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AUCH DO

 IST EIN MODAL

  GANZ ABGESEHEN VON WILL



Aus der Gruppe derModal Auxiliaries werden gemeinhin zwei ausgeschlossen, die sinnvollerweise dazu gezählt werden müssen.

Erstens do.

Do bleibt außen vor, weil es als etwas außerordentlich Besonderes gilt. Seine ganz spezielle Aufgabe ist es nämlich, andern Verben eine Stütze zu sein. Damit sie Fragen und Verneinungen bilden können. Man hat do deshalb den Titel ‚Stützwort‘ verliehen.

Zweitens will.

Will wird vornehmlich gesehen als Teil des Futurs. Will bedeute Zukunft, heißt est. Eher verschämt, so hat man manchmal den Eindruck, wird dann vielleicht noch angemerkt, daß es neben dem  Zukunfts-will noch ein zweites will gebe, das modale Bedeutung habe.

Ich denke, der ganze Komplex wird einfacher, und damit leichter lehrbar (d.h. in Sprach-Übungen umsetzbar),  wenn wir sowohl do wie will (und dieses als Ganzes) in die Gruppe der Modal Auxiliaries aufnehmen. Nicht um ihnen Gutes zu tun, sondern "that's were God willed them to be" (um Jerry Pournelle zu zitieren, der solches einstens von den Funktionstasten auf Computertastaturen sagte, als die nicht mehr links angebracht, sondern sinnlos nach oben verlegt wurden).

Für do sprechen dafür strukturelle Gründe. Zum einen hat do in seiner Funktion als ‚Stützwort‘ auch nur zwei Formen wie z.B. auch  can  (can-could, do-did); zum andern erfüllt es in Fragen und Verneinungen und betonten Sätzen genau dieselbe Funktion wie die Modals, steht an derselben Stelle im Verbalglied:
Can you see  him?
Do  you like him?
Für die Lehre ergibt sich daraus: Bevor man Fragesätze und Verneinungen mit do lehrt, sollte man den Schülern sinnvollerweise solche mit can beibringen. Danach empfinden sie die Strukturen mit do nicht mehr als etwas Besonderes oder als besonders schwierig.

Was will angeht, so erinnern wir uns,  daß die sog. Tempora gar nichts Zeitliches ausdrücken (s.Tempus und Zeit). Ein Zukunfts-will gibt's also überhaupt nicht. Wenn der Wettermann sagt: "The high pressure will slowly slip away", dann benutzt er will nicht, um deutlich zu machen, daß er über die Zukunft redet, sondern vielmehr, daß er, nach allem, was er beobachten kann, es für fast 100%ig wahrscheinlich hält, daß das Hochdruckgebiet sich bald verabschiedet. Und das hat etwas mit der Modalität von will zu tun.

Was meinen wir aber nun, wenn wir „Modal“ sagen?

Was das (Fremd-)Wort selber bedeutet, lassen wir beseite. Die Erklärung von Wörtern bringt selten Erleuchtung, führt of eher in die Irre. Wenn wir z.B. das Wort „Pronomen“ aus seinen Bestandteilen erklären würden (‚das Pro-nomen steht für ein Nomen‘), dann wäre das eine ziemlich unsinnige Behauptung. Nein, in der Grammatik darf man nicht die Wörter erklären, sondern die Sache, die sie meinen, und die Sache ist die:

Wenn wir sagen It's raining, dann benennt das Verbalglied  's raining einfach das  Geschehen des Regnens, die nackte Tatsache, ohne Wenn und Aber. Stellen Sie sich  nun ein Zimmer vor, draußen ist es dunkel, innen sind die Vorhänge vorgezogen. Plötzlich ein klopfendes Geräusch an die Fensterscheiben. Das könnte Regen sein, hunderprozentig wissen Sie es aber nicht. Also sagen Sie: It must be raining. Sie stellen eine Hypothese auf. Indem Sie das Modal Auxiliary must verwenden, machen Sie deutlich, daß das Regnen nicht unbedingt Tatsache ist, sondern einfach Ihre persönliche, subjektive Ansicht.

Modal Auxiliaries führen also etwas Subjektives in die Aussage ein. (Das kann die persönliche Idee des Sprechers sein, aber auch die des Satz-Subjekts - um wessen Idee es sich im konkreten Fall handelt,  kann nur der Kontext zeigen.)

Zwei grundsätzliche Situationen können wir dabei unterscheiden. Was ausgedrückt wird, kann

1. eine persönliche Ansicht (über die Existenz eines Geschehens) sein,
    That'll be the postman.
2. eine persönliche Entscheidung sein (darüber, daß ein Geschehen zu existieren hat).
    You will be the first to enter.

Wenn wir jetzt einmal von do/did absehen, dann ist das  häufigste Modal Auxiliary will. Das hat damit zu tun, daß will weniger ‚Bedeutung‘ hat als andere Modal Auxiliaries. Je mehr Bedeutungselemente ('semantic features') ein Sprachzeichen hat, d.h. je umfangreicher sein Semem ist, umso eingeschränkter sind die Referenda, die es benennen kann. Ding kann auf jedweden Gegenstand, ja sogar auf junge Mädchen (ein nettes Ding), verweisen, Arzneifläschchen ist da schon etwas eingeschränkter in seinen Möglichkeiten. Während will also allenfalls etwas über die Existenz eines Geschehens aussagt, weist z.B. can darauf hin, daß es kein Hindernis für die Existenz eines Geschehens gibt (jeweils natürlich markiert als persönliche Ansicht oder Entscheidung). Must wiederum stellt die Existenz eines Geschehens als notwendig dar, shall als unvermeidbar. Usw..

Was do/did angeht, so hat es überhaupt nichts Subjektives an sich, sein Semem ist ausgesprochen ärmlich, fast kann man sagen, es ist non-existent – es verweist einfach auf dasselbe Geschehen oder denselben Zustand wie das Vollverb, dem es als ‚Stütze‘ dient. Manchmal ist es häufiger als will, z.B. in der Textsorte Erzählung.

Ein paar  kleine  Statistiken:

1. In Agatha Christies erstem Roman (The mysterious affair at Styles, 1920) finden sich 1153 Modal Phrases, also Verbalglieder, die eines der Modal Auxiliaries enthalten. Do/did und will/would sind die häufigsten.  (Der Roman umfaßt 57196 Wörter - laut Papyrus Autor.)

2. Unter ungefähr 23200 Verbalgliedern aus verschiedenen Textsorten waren (laut studentischen Zählungen)  ungefähr 20,5 % Modal Phrases. Hier war. will/would  mit 31% das häufigste, dare mit 0,2% das seltenste.

3. Der Lancaster Corpus enthält 137988 Wörter und besteht aus 15 verschiedenen Textsorten. Er ist nach Satzstrukturen und Wortklassen markiert (die Markierung geschah maschinell und ist nicht hundertprozentig verläßlich, für unsere Statistik spielt das allerdings keine spürbare Rolle.)

Die jeweils unterstrichene Form war  häufiger  als die andere.


1. Roman
MODAL AUXILIARY PROZENT
do/did 31
will/would 28 
can/could 16
shall/should    9
may/might    7 
must    6 
need 0,9
dare 0,7
ought 0,5
used 0,3
SUMME 100
2. Textsorten Mix
MODAL AUXILIARY PROZENT
will/would 31
can/could 24 
do/did 19 
shall/should 10 
may/might   8 
must   7 
ought 0,7 
used 0,5 
need 0,4
dare 0,2
SUMME 100
3. Lancaster Corpus:
Fünfzehn Textsorten
MODAL AUXILIARY PROZENT
will/would 33
do/did 23 
can/could 20 
may/might   9
shall/should   7
must   7 
ought 0,5 
need 0,5 
used 0,5
dare 0,1
SUMME 100

Noch ein Wort zu den sog. Ersatzformen (Substitutes), die unter bestimmten Umständen für Modals einspringen können, etwa  have + to-inf  für must oder  be able + to-inf  für can.

Wenn diese benutzt werden, dann bleibt das Persönlich-Subjektive natürlich auf der Strecke. Die sog. Substitutes sind also eigentlich gar keine, sondern sprachliche Strukturen völlig eigener Art, mit völlig eigenen Sememen, die nur deshalb mit Modals in Verbindung gebracht werden, weil sie in manchen Situationen (durchaus nicht in allen!) ganz von ferne Ähnliches ausdrücken können.

Die Beziehung zwischen Substitute und Modal ist nicht enger als, sagen wir, zwischen Lampe und Licht. Ich kann zwar sagen,  wenn ich im Dunkeln nach Hause komme: Knipse doch bitte die Lampe an oder Knipse doch bitte das Licht an. Aber das heißt noch lange nicht, daß Lampe ein Ersatzwort für Licht ist. Nur wenige Deutsche würden beispielweise behaupten, daß die Sonnenlampe unabdingbar sei für die Produktion von Vitamin D in der Haut. Genau so wenig wie Licht und Lampe generell austauschbar sind, können sich Modal Auxiliaries und ‚ihre‘ Ersatzformen gegenseitig ersetzen.. Welche Form man benutzt, hängt immer davon ab, was genau  man ausdrücken will.

Last updated 7.10.2009
Burkhard Leuschner