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2+2=5

oder
Die Folgen unsinniger Grammatikregeln

 


1

Was dabei herauskommt, wenn man Grammatikregeln ungeprüft befolgt, statt sie zu hinterfragen und am tatsächlichen Sprachgebrauch zu messen, das zeigt die folgende Übung, die eine Lehrer(student)in in einer 6. Klasse durchgeführt hat:

 

LEHRERIN: Peter, can you tell us how you get to school every morning?

  • PETER:
    • I leave the house at seven.
    • I run to the bus stop.
    • The bus takes me to the station.
    • I get on the train to X.
    • The train leaves at 7.15.
    • I meet some friends.
    • We play cards.
    • We arrive at 7.30.
    • We walk the way from the station to the school.

 

 

 

 

 

 

LEHRERIN: Helga, can you tell us what Peter said?

  • HELGA:
    • Peter said he left the house at seven.
    • He said    he ran to the bus stop.
    • He said    the bus took him to the station.
    • He said    he got on the train to X.
    • He said    the train left at 7.15.
    • He said    he met some friends.
    • He said    they played cards.
    • He said    they arrived at 7.30.
    • He said    they walked the way from the station to the school.

 

Die Lehrerin hat die Grammatikregel so verstanden, wie sie ja tatsächlich gemeint ist, nämlich rein formal.

Ich zitiere die zugrunde liegende Regel einfach nach der ersten Webseite, die Google mit dem Suchbegriff reported speech lieferte (www.ego4u.de/de/cram-up/grammar/reported-speech):

 

Übungen zur Indirekte Rede

Wenn wir berichten, was jemand gesagt hat, verwenden wir meist nicht den exakten Wortlaut (wörtliche Rede), sondern die indirekte Rede. Du musst also üben, wie man die wörtliche Rede in die indirekte Rede umwandelt. Dabei musst du unterscheiden zwischen Aussagesätzen, Fragesätzen und Aufforderungen.

Aussagen

Beim Umwandeln von Aussagesätzen musst du folgende Punkte beachten:

  • Änderung der Pronomen
  • Änderung der Verbform bei 3. Person Einzahl
  • Änderung der Orts- und Zeitangaben
  • Änderung der Zeitform (backshift)

 

Typ Beispiel
wörtliche Rede “I speak English.”
indirekte Rede
(keine Änderung der Zeitform)
He says that he speaks English.
indirekte Rede
(Änderung der Zeitform)
He said that he spoke English.

 

Indirekte Rede funktioniert aber nicht nach formalen Prinzipien, sondern nach inhaltlichen. Welche Sprachformen der Sprecher benutzt, hängt ab von dem, was er ausdrücken will. In der obigen Übung geht es darum, was Peter jeden Morgen tut. Das hat er gesagt. Und wenn Helga darüber berichtet, was Peter gesagt hat, dann muß sie natürlich ebenfalls über das reden, was Peter jeden Morgen tut.

Tatsächlich aber behauptet sie, Peter hätte das Haus (nur) einmal, zu einem (ungenannten) vergangenen Zeitpunkt, (schon) um sieben verlassen – womit sie impliziert, daß er normalerweise später oder früher von zu Hause weggehen muß, um rechtzeitig zur Schule zu kommen. Mit andern Worten, Helga sagt genau das Gegenteil von dem, was Peter gesagt hat.

Angehalten wird sie dazu von der Lehrerin, die wahrscheinlich nicht genug Englisch konnte und deshalb gar nicht merkte, was sie da ihren Schülern antat. Denn wer genügend Englisch kann, merkt auf Anhieb, daß den Schülern mit dieser Übung falsches Englisch beigebracht wird.

Aber tadeln wir die Lehrerin nicht übermäßig – denn sie hat doch immerhin versucht, ihre Übung in (wenngleich rudimentäre) Kommunikationssituationen einzubetten. Da ist der Sprecher Peter, der seinen Mitschülern (den Hörern also) erzählt, was er jeden Tag tut (die besprochene Situation). Später ist da die Sprecherin Helga, die denselben Hörern von derselben besprochenen Situation berichtet, oder doch jedenfalls denkt, sie täte es – so oder so eine etwas ungewöhnliche Kommunikationssituation, nichtwahr, da die Mitschüler ja schon alles von Peter gehört haben.

2

Weil die Lehrerin den Schülern nicht nur stur die formalen Verschiebekünste an toten Sätzen (Weber, 1975) abverlangt, ist sie überhaupt angreifbar; d.h. nur weil sie vernünftiger arbeiten will, kann man erkennen, daß sie den Schülern Unsinn beibringt.

Da handeln die Übungsmacher auf der oben angeführten Webseite geschickter (allerdings nicht aus Einsicht, sondern aus Ignoranz, was Sprache und Grammatik angeht): Sie begnügen sich von vornherein mit toten Sätzen. Ich zitiere den Anfang einer Übung:

Änderung der Zeitformen

Bilde Sätze in der indirekten Rede. Achte auf die Änderung der Zeitformen und der Pronomen.

  1. She said, I am reading.
    → She said that
  2. They said, We are busy.
    → They said that
  3. He said, I know a better restaurant.
    → He said that
  4. She said, I woke up early.
    → She said that
  5. usw.

3

Tote Sätze im Verbund mit formalen Grammatikregeln haben einen großen Vorteil: Der Lehrer erspart sich das Denken, egal ob er Übungen erfindet oder Klassenarbeitstexte. Daß die Übungen Zeitverschwendung sind, weil die Schüler dabei kein Englisch lernen, und die Klassenarbeiten nichts aussagen, weil die Schüler ja nicht zeigen können, ob sie gelernt haben, indirekte Rede so zu verwenden, daß ein englischer Muttersprachler versteht, was sie meinen – solches kümmert viele Englischlehrer skandalöserweise gar nicht. Deshalb ist z.B. eine Klassenarbeit wie die folgende, die einer 8. Klasse gegeben wurde, gang und gäbe:

 

PUT into the Reported Speech

1. "She will go to England next week." (a) John says that
(b) He said that
2. "They have already washed this car." (a) Mike told us that
(b) Mike has told us that
3. "Where did they fly to yesterday?" (a) Bob asked Mary
(b) Bob is asking Mary
4. "Are you willing to write the test today?" (a) He wanted to know
(b) He has wanted to know
(+ since Friday)
5. "Why didn't you go home?" (a) Yesterday he thought
(b) For one hour he has thought
6. (a) "Don't make so many mistakes!" (a) The teacher told us
/as short as possible/
   (b) "Tell my father what has happened!" (b) My friend said that I

 

(Wir sehen ab von den [offensichtlichen] Fehlern, die der Lehrer selber in seinem Aufgabentext gemacht hat, denn nobody is perfect, wie wir wissen, vor allem dann nicht, wenn wir uns in einer fremden Sprache ausdrücken.)

Die Testfragen sind gar nicht so einfach zu beantworten, wie man auf Anhieb denken mag – und der Grund ist, daß die Sätze ihres Lebens beraubt sind. Schauen wir uns, willkürlich herausgegriffen, die Aufgabe 5 etwas genauer an.

  • Sätze werden von Sprechern geäußert – aber wo sind die hier? Wer z.B. fragt „Why didn‘t you go home?“
  • Sprecher befinden sich in einer Sprechsituation, die ist an einem bestimmten Ort und findet zu einem bestimmten Zeitpunkt statt. Wo und wann wird die Frage gestellt?
  • Sprecher wenden sich an Hörer? Wer ist der Hörer ‚you‘?
  • Worum geht‘s überhaupt, d.h. was für eine besprochene Situation liegt vor? Offenbar blieb da einer, wo er nicht bleiben sollte? Aber wo ist das und warum ist das so?
So viele Fragen, und so gar keine Antworten. Wir wollen einmal annehmen, der Lehrer hätte eine Situation im Kopf gehabt, als er sich die Aufgabe 5 ausdachte (ich möchte es eigentlich bezweifeln). Den Schülern jedenfalls verschweigt er, was er denkt und läßt sie in der Kälte stehen.

Versuchen wir einmal, die Aufgabe zu lösen. Die vorgegebene Teilantwort (a) knallt uns zwei Situationsbrocken vor die Füße, die uns aber wenig weiterbringen, denn wir können daraus nur entnehmen, daß die Frage am Tag zuvor gestellt wurde und zwar von einem männlichen Sprecher. Wer aber über die Frage berichtet, pardon, nachdenkt, und warum er das tut und bei welcher Gelegenheit, erfahren wir nicht. Der Denker ist so tot wie der Satz, den er angeblich bedenkt.

Spekulieren wir mal: Was könnte unser Denker denken? „Yesterday he thought why whoever didn‘t go home.“ Ich glaube kaum, daß der Lehrer diese Lösung akzeptiert hätte. Was er statt ‚whoever‘ wohl hören wollte, entzieht sich schlicht und einfach meinem Vorstellungsvermögen; was das Tempus angeht, so kennen wir ja die (Un-)Regeln, auf die er sich bezieht, er hat also hören wollen, ‚had gone‘ statt ‚did go‘: „Yesterday he thought why X hadn‘t gone home.“ So weit so un-gut.

Aber was ist mit Aufgabe 5b? Wann verläuft diese Stunde, während der der Denker denkt? Heute? Gestern? Oder denkt er noch, d.h. ist die Stunde noch gar nicht vorbei (das present perfect suggeriert solches vielleicht)?

Je länger ich versuche, die Aufgabe zu verstehen, umso verwirrter werde ich. Ich geb‘s schließlich auf, es macht alles keinen Sinn.

Und genau mit dieser Erkenntnis wird die Aufgabe endlich lösbar: Wir brauchen ja bloß die backshift-Regel anzuwenden, bzw. hier eben nicht, denn das present perfect ist kein Tempus der past-Gruppe, also bleibt das Tempus der wörtlichen Frage erhalten. Die Lösung (b) im Lehrergehirn heißt also: „For one hour he has thought why X didn‘t go home.“ Sinnvolle Lösungen außerhalb des Lehrergehirns (da, wo Sprache tatsächlich stattfindet) gibt es natürlich weder für (a) noch für (b).

Die Analyse dieser einen Aufgabe genügt für das grausame Spiel – das für Schüler und Schülerinnen wahrhaftig kein Spiel war. Als meine Tochter mit der korrigierten Arbeit nach Hause kam, hatte ich zufällig Besuch von einem englischen Literaturprofessor. Der kam aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus, als er sich die Arbeit ansah. Der Rede kurzer Sinn: Von den 7,5 Fehlern, die der Lehrer angestrichen hatte, waren 4 Antworten, also mehr als die Hälfte, korrektes Englisch. D.h. wir konnten uns Situationen ausdenken, in dem die Lösungssätze, für die sich die Schülerin entschieden hatte, gesagt werden konnten. Mithin hätten statt 7,5 nur 3,5 Fehler gerechnet werden dürfen. Das machte eine (oder waren es gar zwei?) Notenstufen aus. Die Schülerin sollte jedenfalls dafür bestraft werden, daß der Lehrer sein Fach nicht beherrschte.

4

Weil wir bei Zahlen sind – wenn ein Mathematiklehrer seinen Schülern 2+2=5 beibrächte und in der nachfolgenden Klassenarbeit die Antwort 2+2=4 als Fehler anrechnete – die Eltern möcht ich sehen, die da nicht auf die Barrikaden gingen...

 


Nach welchen Regeln die indirekte Rede wirklich abläuft, wird im Detail hier beschrieben: Die Zeitenfolge im Rahmen einer kommunikativen Grammatik des Englischen

 

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Last updated 3.5..2007