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WOZU

braucht der Mensch

  GRAMMATIK?



Der Mensch braucht überhaupt keine Grammatik! Was soll er auch damit? Er braucht die Sprache, nicht das, was Linguisten über die Sprache sagen.
 
Wer hingegen Grammatik wirklich braucht (neben der Sprache, versteht sich), das ist der Lehrer, sofern er andern ein Sprache beibringen will. Nein, natürlich nicht, um sie den Schülern weiterzugeben. Der Schüler will Englisch lernen oder Französisch oder Spanisch. Damit hat er wahrhaftig genug zu tun. Wenn man  ihm von der wenigen wertvollen Sprachlernzeit in der Schule auch noch einen Teil abknappst, um ihm zusätzlich Wissen über  Englisch, Französisch, Spranisch beizubringen, dann tut man ihm nichts Gutes. Dann lenkt man ihn ab von dem, worauf es ankommt, und verwirrt ihn möglicherweise dazu.

Daß das so ist, kann man leicht nachprüfen.

 Die Hauptschüler, die ich unterrichte, beherrschen inzwischen [What's this?] It's a book - He's a boy - She's a girl - I'm John - You're Stephen. Kein Problem, ihnen das beizubringen. Ich will ein kleines Experimen machen -  eine Grammatikstunde. Wir reden über die erste, zweite, dritte Person und was das konkret bedeutet. Auch das ist nicht schwer zu verstehen. Aber danach sind die Schüler, was ihr praktisches Englisch angeht, völlig durcheinander. Was sie schon beherrscht haben, ist ein Trümmerhaufen. Und muß erst wieder langsam aufgepäppelt werden.

Gut, das waren Hauptschüler, bei denen ich solches erlebt habe, sie sind meist weniger begabt als etwa Gymnasiasten. Diese haben i.a. mehr Lernkapazität und stecken daher auch noch den zusätzlichen grammatischen Lernstoff weg, ohne unbedingt die Sprache, die sie schon beherrschen, zu verlieren. Aber nützen tut ihnen das Wissen über die Sprache auch nix. Ihre Sprachbeherrschung wird nicht besser dadurch. Und das gilt natürlich erst recht dann, wenn sie grammatische Regeln lernen sollen, bevor sie die dazugehörige Sprache selber kennengelernt haben.

Die Sprache ist eine Sache, die Grammatik eine andere.

Das ist wie der Unterschied zwischen einer Landschaft und  einer Wanderkarte, dem Modell der Landschaft. Wenn Sie die Karte einer Gegend ansehen, die Ihnen fremd ist, dann erfahren Sie daraus nicht, wie die Landschaft genau aussieht,  wie es sich anfühlt, wenn man dort wandert; ob die Luft rauh ist oder weich; wo man sich am besten ins Gras legt und die Sonne und die bienendurchsummte Stille genießt; wie herrlich der Ausblick ist, den ein Symbol in der Karte verspricht. Die Karte nützt einem nichts, wenn man sich eine unbekannte Gegend konkret vorstellen will. Man muß die Gegend schon selber durchwandern. Dann, hinterher, kann man etwas mit der Karte anfangen, denn  jetzt weiß man, was sich hinter den Linien und Farben und Symbolen an den einzelnen Stellen der Karte verbirgt.

Der  Lehrer ist wie ein Wanderführer. Der Wanderführer muß die Landschaft auf eigenen Wanderungen erkundet haben, in die er seine Wandergruppen führen will. Die Karte dient ihm dazu,  sich zu erinnern und die anzubietenden Wanderungen so zu planen, daß sie über besonders schöne Wege führen, an besonders lohnenden Zwischenzielen vorbeikommen, und letztendlich zum gewünschten eigentlichen  Ziel  führen.

In ähnlicher Weise muß der Lehrer sich in der Sprache bewegt haben,  sie so weit beherrschen, daß er die Grammatik (das Modell der Sprache) verstehen kann und weiß, was sich hinter den einzelnen Regeln verbirgt.  Dann kann er seine Wanderungen durch die Landschaft der Sprache sinnvoll planen, d.h. dann kann er Übungen erfinden, Aktivitäten planen, Texte suchen usw., die seine Schüler die reale Sprache erleben lassen, ihnen deshalb Spaß machen und sie schließlich zum Ziel bringen, das er sich und ihnen gesteckt hat.

Nun gut, es gibt Schulbücher - die versuchen,  einem diese Arbeit abzunehmen und  genau zu sagen, was im Unterricht zu tun ist. Aber ein wirklich engagierter Lehrer mag sich nicht damit begnügen,  Schulbuchverwalter zu sein. Schon weil es ihn schlicht und einfach langweilen dürfte. Er sieht das Schulbuch als ein Unterrichtswerkzeug unter vielen (neben Tafel, OHP, Computer, Beamer, MP3-Spieler, Englandkarte, Spielzeugautos, Flash Cards, Graded Readers, authentischen Objekten aus England, Flanelltafel, Handpuppen, Internet, E-mail mit einer schottischen Klasse, und was einem sonst noch einfallen mag). Das Schulbuch, wie jedes andere Unterrichtsmittel, dient ihm zur Anregung, mehr Funktion kommt ihm nicht zu (und genau so ist es im übrigen von Schulbuchautoren auch gedacht - die ja meistens selber engagierte Lehrer sind -, egal, was sie auf Verlagswerbeveranstaltungen zu verkünden gezwungen sind).

Wenn nun der Lehrer einen selbstverantworteten Unterricht machen will und z.B. Grammatikübungen zum Present Perfect erfinden,  dann reicht es ihm nicht, wenn er  liest, das Present Perfect bezeichne eine Handlung, die in die Gegenwart hineinreicht. Das schließt andere 'Tempora' nicht aus, nicht das Continuous Present, nicht das Simple Present, nicht das Continuous Future - um nur einige zu nennen. Wer sich Grammatikübungen ausdenken will, der braucht detailliertere Informationen. Erstens zu den Strukturen, vor allem aber (das gilt insbesondere für die 'Tempora') zu den Verwendungsmöglichkeiten. Nur dann kann er kommunikativ sinnvolle Aktivitäten planen - und Kommunikation muß sein, denn wenn das Kommunikative fehlt, dann lernt der Schüler nichts, was ihm im realen Sprachleben helfen kann. Und das ist doch das Ziel des Fremdsprachenunterrichts.

Die grammatische Darstellung, wenn sie den genannten Zwecken dienen soll, muß also viel detaillierter sein als wir sie in  Schulgrammatiken üblicherweise finden. Es liegt in der Natur der Sache, daß eine Grammatik dieser Art nicht als gemütliche Kaminlektüre taugt. Ihr Zweck ist es vielmehr, eingehend studiert zu werden - aber natürlich nur dann, wenn ein bestimmtes Thema anliegt und man deshalb motiviert ist, sich damit zu beschäftigen. Bei unmotivierter Lektüre verwirrt der Detailreichtum nur.

Damit die Beschreibungen nachvollzogen werden können, sind sie ausführlich illustriert, und zwar durch authentische Beispiele, meist (vor allem wenn es um Verwendungsmöglichkeiten geht) im größeren Zusammenhang. Manchmal habe ich versäumt, die Quelle zu notieren. Ich bitte - nein, nicht um Verständnis, aber doch wenigstens um Nachsicht.





Last updated 01.9.2009
Burkhard Leuschner