LG

 

DIE ENTSTEHUNG EINER

KOMMUNIKATIONSSITUATION


Stellen Sie sich folgende Situation vor (die so, wie beschrieben, tatsächlich stattgefunden hat):

Ruwen, der Enkel, spielt mit Bauklötzen. Einer davon hat die Form eines Hauses, er wirft ihn hoch, und, wie es die Gesetze der Physik so wollen: der Bauklotz rutscht unter den Schrank.

Haus, weint der kleine Enkel, Haus. Der Großvater schaut von seiner Computerzeitschrift auf, überblickt die Situation, setzt sich in Bewegung, angelt das 'Haus' unter dem Schrank hervor, gibt es dem Enkel, und die Welt ist wieder in Ordnung.

Kommunikationssituation

Eine Kommunikationssituation wurde geschaffen, ein Kommunikationsvorgang hat stattgefunden. Der Enkel will den Bauklotz wiederhaben. Er hat also einen Grund, mit seinem Großvater zu kommunizieren. Er produziert eine Lautform, das Wort Haus und benennt damit den Bauklotz unter dem Schrank. Er macht sich mit dieser Sprechhandlung zu einem Kommunikationspartner. Den Großvater will er zum zweiten Kommunikationspartner machen. Der akzeptiert seine Rolle (er könnte auch einfach ablehnend knurren) und tritt ein in den

Vorgang des Verstehens:

  • Er dekodiert die Lautfolge (Verstehensstufe 1) und erkennt, welches Wort der Enkel gemeint hat (es hätte auch heiß sein können, was er in ähnlicher Weise artikuliert);
  • er sucht die Bedeutung (das Semem) dazu (Stufe 2),
  • er schaut sich um, welchen Gegenstand der Enkel benannt haben könnte (welchen Gegenstand er zum Referendum gemacht hat), er errät richtig, daß es der Bauklotz unterm Schrank ist (Stufe 3);
  • er überlegt, was für einen Grund der Enkel wohl gehabt hat, den Bauklotz zu benennen, und weil er ihn kennt, errät er sehr schnell, daß er ihn wiederhaben will (Stufe 4).

Mit dem Abschluß des Verstehensvorgangs ist der Kommunikationsvorgang aber noch nicht abgeschlossen - es ist noch keine Kommunikationswirkung eingetreten. Wenn der Großvater wieder seine Computerzeitschrift aufnehmen würde und einfach weiterlesen, d.h.es mit dem Verstehen bewenden ließe (nach dem Motto, comprendre, c'est tout), dann würde der Enkel weinen, denn er wäre frustiert, weil seine kommunikative Absicht, den Bauklotz wieder zu bekommen, nicht erfüllt wäre. Unser Kommunikationsvorgang ist erst dann erfolgreich abgeschlossen, nachdem der Großvater den Bauklotz geholt und ihm dem Enkel wiedergegeben hat.

Nach diesem Prinzip läuft jeder erfolgreiche Kommunikationsvorgang ab, nur daß wir normalerweise nicht mit Einzelwörtern arbeiten, sondern mit Sätzen, Satzkombinationen, ganzen Texten. Und dann benennen wir nicht nur einen einzigen Gegenstand, sondern deren viele, dann ihre Eigenschaften, was sie tun, die Beziehungen zwischen den Gegenständen - eben das, was wir benennen wollen, d.h. worauf wir das Augenmerk des Kommunikationspartners richten wollen. Möglichst so, daß dieser unseren Kommunikationsgrund ohne allzu große Schwierigkeiten erraten kann - wir wollen ja verstanden werden.

So ähnlich wie im folgenden Bild (Alfred Kubin im Simplizissimus 1925) könnte die Kommunikationssituation ausgesehen haben, hat sie aber natürlich nicht.

 

Schriftliche Kommunikation funktioniert nicht anders. Der Unterschied ist nur der, daß die beiden Kommunikationspartner nicht zur selben Zeit am selben Ort sind. Nehmen wir als Beispiel das biblische Buch Hiob - in diesem Falle liegen zweieinhalbtausend Kilometer und zweieinhalbtausend Jahre zwischen der Schreibsituation des Dichters und unserer Lesesituation. Dem Wort Haus des Enkels entspricht der Text des Hiobbuchs. Wer aber der Autor ist, was für einen Grund er gehabt haben mag, das Buch zu schreiben, was genau er eigentlich benannt hat - das erschließt sich nicht so leicht wie bei der oben beschriebenen mündlichen Kommunikationssituation, darüber kann man nur Hypothesen aufstellen, und die wurden reichlich aufgestellt - und in vielen Bücher dargelegt.

 

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Last updated 30.5..2007