LG

 

TYPEN VON

KOMMUNIKATIONSSITUATIONEN


Eine Frau

Femme accroupie

sieht

eine Maus

(kein Wunder,daß sie die sieht, bei dem Gesichtsbau und dieser Augendrehung). Auf springt sie aus der Hocke, in der sie der Maler gemalt hat (cette femme accroupie) - und Entsetzen läßt sie gleich doppelt auf das liebe, böse Tier zeigen, einmal, indem sie die Lautform [maus] ausstößt und zum zweiten, indem sie zusätzlich zum Lautzeichen auch noch ein körperliches Zeichen produziert: eine Zeigegeste mit dem ausgestreckten Arm und dem ebenfalls ausgestreckten Finger.

Kommunikationssituation

So lenkt sie den Blick ihres Partners (gleich wird er, hoffentlich, den Kopf drehen), sicherer und schneller als dies mit dem bloßen Lautzeichen möglich wäre, dorthin, wo die Maus lauert. Ob er daraus dann irgendwelche Konsequenzen zieht, z.B. die Maus jagt, entzieht sich leider unserer Kenntnis. Was wir aber sicher wissen:

Eine Kommunikationssituation ist entstanden!

Wenn wir die zusätzliche Zeigegeste unberücksichtigt lassen, dann sehen wir, daß die Mindestausstattung einer (mündlichen) Kommunikationssituation aus vier Elementen besteht, aus Sprecher(in), Hörer(in) , der (zeigenden) Lautform und dem (gezeigten) Referendum.

Anders ausgedrückt: Eine Kommunikationssituation stellt vier grundlegende Funktionsstellen oder Rollen zur Verfügung: die Sprecherrolle, die Hörerrolle, die Rolle der Sprachform und die Referendumsrolle. Alle vier müssen besetzt werden, wenn eine Kommunikationssituation entstehen soll.

Das ist ähnlich wie etwa an einer Schule, wo es auch Funktionsstellen zu besetzen gibt, z.B. die des Rektors und die der Schüler (wie hier illustriert von J.B. Engl im Simplicissimus von 1907). Rektorat

Je nachdem, wie die Rollenverteilung zwischen den Kommunikationspartnern aussieht und von welcher Rolle aus wir die Kommunikationssituation betrachten, entstehen verschiedene grundlegende Typen von Kommunikationssituationen.

Fall A: Die Kommunikationspartner behalten ihre Rollen für längere Zeit bei, der eine spielt die Rolle des Sprechers, der andere die Rolle des Hörers. Man nennt dies Einwegkommunikation.

Wenn wir an einen Vortrag denken, dann steht der Sprecher und das Sprechen im Mittelpunkt unsereres Interesses.

 

Wenn ein Verlag ein MP3-Hörbuch anpreist, dann interessiert ihn vor allem der Hörer und das Hören.

Fall B: Die Partner wechseln ständig die Rollen, jeder ist abwechselnd Sprecher und Hörer.Dies nennen wir Zweiwegkommunikation. Charakteristisch für diesen Typ von Kommunikationssituation ist die Interaktion zwischen den Partnern, dabei beeinflussen die Äußerungen des einen jeweils die darauffolgenden seines Partners. Die folgende Szene (Joseph Benedikt Engl, Simplizissimus 1899) enthält nur zwei Äußerungen, von jedem Partner eine, gewöhnlich geht die Rede natürlich viele Male hin und her.

Ach, Herr Kandidat, lassen Sie mich; ich muß jetzt wieder in die Küche, sonst brennt mir meine Gans an! Josephine, sei unbesorgt, solange du bei mir bist, steht deine Gans in Gottes Hand!

Wenn die Rolle der Sprachform nicht durch eine Lautform ausgefüllt wird, sondern durch eine Schreibform, dann entsteht eine schriftliche Kommunikationssituation. Dort ist die Sprecherrolle durch die Schreiberrolle ersetzt und die Hörerrolle durch die Leserrolle, anders ausgedrückt: Die Kommunikationspartner agieren als Schreiber und Leser.

Die schriftliche Kommunikationssituation weist dieselben Grundtypen auf wie die mündliche.

Fall A: Einwegkommunikation

Wenn uns die Entstehung eines literarischen Werkes interessiert, dann steht der Autor, also der Schreiber und das Schreiben im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

 

Den Verlag eines Buches interessiert natürlich vor allem der Leser und das Vergnügen des Lesens, das er dem Leser zu verschaffen verspricht.

Fall B: Zweiwegkommunikation

Während bei mündlicher Interaktion im Normalfall der Ball der Konversation schnell hin- und hergespielt wird, ist dies bei der traditionellen schriftlichen Interaktion, dem Briefwechsel, eine eher zeitaufwendige Affäre. Aber auch hier wechseln die Partner die Rollen, d.h. jeder ist abwechselnd Schreiber und Leser. Und auch hier ist charakteristisch, daß die brieflichen Äußerungen des einen die Formulierungen seines Partners beeinflussen. (Die beiden Bilder stammen aus dem Simplizissimus, 1907, und dem New Yorker, 1925.)

       


Wir haben es also mit sechs Grundtypen der Kommunikationssituation zu tun, in denen sechs verschiedene Kommunikationshandlungen stattfinden:

MÜNDLICHE KOMMUNIKATIONSHANDLUNGENSCHRIFTLICHE KOMMUNIKATIONSHANDLUNGEN
SprechenSchreiben
HörenLesen
Mündliche InteraktionSchriftliche Interaktion

 

Jede dieser Kommunikationshandlungen steht gleichberechtigt neben den anderen, sie alle sind vollgültige Arten von Kommunikation. Das muß besonders betont werden, weil es unter Fremdsprachendidaktikern üblich ist, nur die Interaktion als Kommunikation anzuerkennen. Sprechen, Hören, Schreiben und Lesen hingegen werden als Fertigkeiten abgekanzelt, werden gleichsam als Steigbügelhalter für die eigentliche Kommunikation angesehen.Wenn dem so wäre, dann könnte jeder von uns einen großen Fontane-Roman schreiben oder einen Shakespeareschen Hamlet. Denn Fertigkeiten kann man lernen und durch Üben automatisieren. Das ist aber mit keiner dieser angeblichen Fertigkeiten tatsächlich möglich!

Unglücklicherweise hat diese Fehleinschätzung große negative Auswirkungen auf den Fremdsprachenunterricht. Wenn man dort an Schreiben denkt, dann meint man das Zu-Papier-bringen von inhaltslosen Buchstaben und Buchstabenkombinationen und begnügt sich zumeist mit dem Abschreiben von Texten, oder mit dem schriftlichen Transformieren von Aktivsätzen in Passivsätze, und was dergleichen mehr sind. Was das Lesen angeht, so bedeutet es im Fremdsprachenunterricht meist nur das laute, i.a. mißglückende, 'Vor'lesen von Lektionstexten, was weder mit dem normalen, kommunikativen, stillen verstehenden Lesen etwas zu tun hat, noch etwa mit dem gestaltenden Vorlesen einer spannenden Geschichte. Was im Fremdsprachenunterricht oft geschieht, hat im besten Fall mit Teilhandlungen der Kommunikationshandlungen zu tun, die aber, weil dieselben Wörter benutzt werden, nicht als Teilhandlungen erkannt, sondern für das Ganze genommen werden.

Wer Englisch lernt (oder natürlich irgendeine andere Fremdsprache), muß aber die angeführten sechs Kommunikationshandlungen lernen, und der Lehrer muß dafür Sorge tragen, daß die Schüler die Gelegenheit dazu bekommen. Die Teilhandlungen (das sind die wirklichen Fertigkeiten) reichen, so notwendig sie sein mögen, allein nicht aus.


BACK TO LEUSCHNER HOME
BACK TO LINGUISTICS PAGE
BACK TO COMMUNICATION PAGE

 

Last updated 6.6.2007