MISC
BACK TO LEUSCHNER HOME

DAS WUNDER VON KANAAN
sozusagen naturwissenschaftlich erklärt


Am selben Tag, als ich F.L. Billows Predigt vom 20. Januar 1974 auf die Webseite stellte, die sich u.a. mit dem "miracle at Cana" beschäftigt, las ich zufällig die folgende "Erklärung" des in der Bibel berichteten Wunders in dem Roman Ein Mensch namens Jesus:

Der Herr des Hauses bat, man solle zu trinken bringen, doch die Dienstboten erwiderten, es gebe keinen Wein mehr. Da war aber auch kein Händler in Kana, der genug Wein für Dutzende von Leuten gehabt hätte, die Bestände waren verkauft. Jakob, der junge Ehemann, konnte nur schwer seine Verlegenheit verbergen. Der Rabbi zwinkerte gehässig mit den Augen, als hätte er schon gewußt, daß in einem Haus, in dem man Leute wie Jesus einlud, bei Anlässen wie einer Hochzeit der Wein ausging. Sein Gesichtsausdruck ärgerte Jesus, zumal der Rabbi, der zweifellos schon angeheitert war, erklärte: »Ist es nicht seltsam, daß wir keine Getränke mehr haben, wo doch ein Wundertäter unter uns ist?«

»Groll hat noch keinen genährt«, sagte Jesus laut, »und auch keine Traube, die auf einem verdorbenen Weinberg wuchs.«

»Ja«, rief Natanael mit dröhnender Stimme, »wenn gewisse Leute Durst haben, warum holen sie nichts aus ihrem eigenen Keller?« Manche Gäste fingen an zu lachen und schlugen tatsächlich vor, man solle Wein aus der Synagoge holen. Inzwischen hatte Jesus den Mundschenk gerufen, um mit ihm die leeren Krüge zu untersuchen. Eine Art Sirup hatte sich auf ihrem Boden angesammelt. Er ähnelte den Rückständen, die man sonst in viel geringerem Umfang am Boden der Krüge mit palästinensischem Wein fand und die man immer ausspülte, wenn man neuen Wein einfüllte.

»Ich habe noch nie einen so dicken Satz gesehen«, meinte der Mundschenk.

»Vielleicht kann man zusätzlichen Wein erhalten, wenn man Wasser dazugibt, um ihn aufzulösen«, sagte Jesus.

»Die Rückstände sind sauer«, bemerkte der andere.

»Es sind nicht nur Rückstände, es ist Wein, der sich in Sirup verwandelt hat, weil infolge der Wärme auf dem Schiff aus den neuen Krügen zuviel verdunstet ist. Füllt einen Krug mit Wasser und gebt mir einen Stock!« sagte Jesus, der sich erinnerte, auf seinen Reisen schon von derart eingedicktem Wein gehört zu haben.

Man füllte einen Krug; Jesus löste den Satz am Boden mit Hilfe des Stockes auf, den man ihm gebracht hatte. Der Mundschenk blickte skeptisch drein. Dann verlangte Jesus von diesem gestreckten Wein zu kosten; er war zwar viel leichter als der erste, der viel zu alkoholhaltig und zu dickflüssig gewesen war, aber er war durchaus trinkbar. »Hast du nie zuvor griechischen Wein serviert?« fragte Jesus den Mundschenk.

»Um ehrlich zu sein, Herr, nein. Ich empfehle immer die Weine aus Galiläa und Syrien, die in Ziegenschläuchen geliefert werden und wenig Rückstände enthalten. Es ist das erstemal, daß ich Wein aus Krügen serviere. Aber unsere Herren haben darauf bestanden, daß man griechischen Wein serviert, weil er seltener ist.«

Jesus reichte dem Mundschenk seinen Kelch, und der probierte von dem gestreckten Wein. Er trank einen Schluck, hob die Augenbrauen und erklärte den Trank für durchaus annehmbar. Angesichts des angetrunkenen Zustands der meisten Gäste, meinte er ein wenig ironisch, könnte ein etwas leichterer Wein nicht schaden. Und nachdem er den Bediensteten aufgetragen hatte, mit den Rückständen in den übrigen Krügen so zu verfahren wie mit dem ersten, verbreitete er sich in Lobpreisungen über das Wissen seines Helfers, ohne den das Fest verdorben gewesen wäre.

Alle sahen neugierig dem Gespräch zwischen Jesus und dem Mundschenk zu, ohne recht zu erkennen, was sie taten, da die beiden unter den Arkaden standen, in jenem Bereich, der den Dienern vorbehalten war. So wußte auch niemand etwas über den Ausgang der Unterhaltung. Als wenig später die Bediensteten die Kelche der Gäste neu füllten und mit dem des Rabbis anfingen, erhob sich unter den Anwesenden ein Gemurmel.

»Woher kommt dieser Wein?« fragte der Rabbi alarmiert.

Dieselbe Frage kam aus vielen Mündern.

»Dieser Mann hat mich reines Wasser in die leeren Krüge gießen lassen, und es hat sich in Wein verwandelt«, erwiderte der Mundschenk geheimnisvoll.

Das Gemurmel wurde zum Geschrei, und der Rabbi erblaßte.

»Herr!« rief Jakob. »Dein Gesandter hat mein Haus gesegnet!« Der Vater des Bräutigams ließ laut vernehmen, daß das Wasser sich am Tage der Hochzeit seines Sohnes in Wein verwandelt habe, was auf eine zahlreiche Nachkommenschaft schließen lasse. Dann ging er zu Jesus und küßte ihm die Hände. Die Frauen schwatzten laut und scharten sich um Maria. Das Wort »Wunder«, das zunächst nur schüchtern über allem schwebte, verwandelte sich zu einem Summen, das wie ein Bienenschwarm über der Festversammlung dröhnte. Eine große Feierlichkeit breitete sich aus, und für Scherze, wie sie sonst üblich waren, und situationsbedingte Anzüglichkeiten war kein Platz mehr. Man servierte wieder reichlich Wein.

(...)

Die Jünger, die Jesus folgten, verlangten eine Erklärung.

»Ich habe Wasser in Krüge gießen lassen, die sie für leer hielten«, antwortete Jesus.

Am nächsten Tag summte ganz Kana von Berichten über das, was man mit immer größerer Gewißheit als Wunder beschrieb.

Messadié, Gerald, Ein Mensch namens Jesus, München: Droemer Knaur, 1989, S. 383-385


Last updated 30.3.2007